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Liebe auf Bewährung

2003

Mit sicherem Blick für Details und viel Gespür für Zwischentöne inszenierte der mehrfache Adolf-Grimme-Preisträger Bernd Böhlich diese Geschichte einer späten Liebe zwischen einer Witwe und einem Häftling nach einem eigenen Buch. Thekla Carola Wied und Helmut Griem überzeugen durch ihre nuancierte, unaufdringliche Darstellung. Der Übersetzer, Rezitator und Kolumnist Harry Rowohlt beantwortet während eines charmanten Gastauftritts die Frage, ob er etwas mit dem gleichnamigen Verlag zu tun hat.
Thekla Carola Wied, Helmut Griem

Eigentlich ist Juliane Willbrand (Thekla Carola Wied), eine gut situierte, attraktive Witwe, zu beneiden. Sie bewohnt ein geräumiges, wunderschönes Haus, besitzt ein Segelboot und hat eine überaus vernünftige Tochter, Karoline (Mariella Ahrens), großgezogen. Trotzdem vermisst Juliane, die ihr Leben ganz selbstverständlich der Familie gewidmet hat, nach dem Tod ihres Mannes das Gefühl, gebraucht zu werden. Freunde und Verwandte, alle im Stress, können nicht verstehen, dass die Leere immer unerträglicher wird. Um etwas Nützliches zu tun, beschließt Juliane trotz erheblicher Bedenken ihrer Tochter, nach zwanzig Jahren in ihren Beruf als Bibliothekarin zurückzukehren. Allerdings hat der krisengeschüttelte Arbeitsmarkt nicht auf sie gewartet. Nur der Gefängnisdirektor Schober (Michael Greiling) gibt ihr eine Chance: die verwaiste Anstaltsbibliothek wieder aufzubauen. Ein undankbarer Job, denn die schweren Jungs lesen, wenn überhaupt, nur etwas über Autos und Sport. Erst als Juliane ihren Schulkameraden Harry Rowohlt für eine Knastlesung gewinnt, beginnen die Häftlinge ihre Bibliothek zu entdecken. Der künstlerisch begabte Albert Tieck (Helmut Griem) wird Julianes erster Stammleser. Die vorsichtige Annäherung an den sensiblen, zurückhaltenden Mann erleidet jedoch einen Rückschlag, als der Direktor ihr die ganze Wahrheit über Albert offenbart: Der Möbelschreiner hatte, um einen Versicherungsschaden vorzutäuschen, seine Fabrik in Brand gesteckt. Dass seine Frau dabei ums Leben kam, hat Albert jedoch vor Juliane verschwiegen, aus Angst, dass sie sich schockiert abwenden könnte. Trotz der Enttäuschung über diesen Vertrauensbruch geht Juliane erneut auf Albert zu, überredet sogar den Gefängnispsychologen (Hans Peter Hallwachs), ihm einen Tag Hafturlaub zu gewähren. Als Albert diese Möglichkeit scheinbar zur Flucht nutzt, bricht für Juliane zunächst die Welt zusammen. Erst als sie sein Geheimnis erfährt, bietet sich eine Möglichkeit, dem gebrochenen Mann zu helfen und ihrer Liebe den Weg zu ebnen...

Die Darsteller und ihre Rollen

THEKLA CAROLA WIED ist Juliane Willbrand

Die Liste der von ihr dargestellten Charaktere ist lang: Einen festen Platz in den Herzen der Zuschauer eroberte sich Thekla Carola Wied – getreu ihrer Überzeugung „in jeder Rolle muss ich Dinge entdecken, die etwas mit mir zu tun haben“ – vor allem aber durch Serien wie „Ich heirate eine Familie“ (1983-86) von und mit Peter Weck, „Wie gut, dass es Maria gibt“ (1990-91) und „Auf eigene Gefahr“ (1993-2000). 1944 in Breslau geboren, wuchs Thekla Carola Wied in Berlin auf und verbrachte dort ihre Schulzeit. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der renommierten Folkwang-Hochschule in Essen. Erste Berufserfahrungen sammelte die heutige Wahlmünchnerin auf Theater-Bühnen in Essen, Saarbrücken, Wiesbaden und Bochum. Ihr Debüt auf der Kinoleinwand brachte ihr für „Spur eines Mädchen“ (1968, Regie: Gustav Ehmck) den Bundesfilmpreis in Gold. Weitere Auszeichnungen folgten Schlag auf Schlag – u. a. der Bayerische Fernsehpreis für ihre Rolle der Vera Färber im Zweiteiler „Ich klage an“ (1993, Regie: Frank Guthke). Mit der Goldenen Kamera wurde Thekla Carola Wied für ihre schauspielerischen Leistungen gleich zwei Mal geehrt, gleich drei Mal mit dem Bambi. Herausragende Produktionen ihrer Arbeit sind die Stefan-Heym-Verfilmung „Collin“ (1981, Regie: Peter Schulze-Rohr) mit Curd Jürgens als Partner sowie „Der Kunstfehler“ (1983, Regie: Peter Beauvais). An der Seite von Mario Adorf feierte sie mit „Mord im Kloster“ (1998, Regie: José Maria Sanchez) einen großen Erfolg im Ersten, „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“ (1999, Regie: Wolf Gremm) und „Liebe, Tod und viele Kalorien“ (2001, Regie: Dietmar Klein) aus der beliebten Reihe „Lauter tolle Frauen“ schlossen sich an. Weitere Hauptrollen spielte Thekla Carola Wied in jüngster Zeit in „Zwei Seiten der Liebe“ (2002, Regie: Bodo Fürneisen), „Das Glück ihres Lebens“ (2003, Regie: Bernd Böhlich), „Mann gesucht, Liebe gefunden“ (2003, Regie: Dennis Satin) und „Die Versuchung“ (2004, Regie: Bodo Fürneisen). Abgedreht hat sie für Das Erste „Meine große Liebe“ (Regie: Peter Kahane) und „Meine Tochter, mein Leben“ (Regie: Bodo Fürneisen), bis Ende Oktober stand sie in Berlin für die romantische Komödie „Die Liebe kommt selten allein“ unter der Regie von Jan Ruzicka vor der Kamera.

Fragen an Thekla Carola Wied

In „Liebe auf Bewährung“ geht Juliane Willbrand einen ungewöhnlichen und auch sehr schwierigen Weg. Die einzige Stelle, die sie in ihrem alten Beruf finden kann, ist in der rauen Welt eines Männergefängnisses. Ein couragierter Schritt...
...der für mich aber nachvollziehbar ist. Wenn man die Augen nicht davor verschließt, dass auch die „Gefängniswelt“ ein Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, erscheint ein solcher Schritt nicht unverständlich. Für Juliane Willbrand war das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, und der Druck, der inneren Leere etwas entgegenzusetzen, so groß, dass sie bereit war, die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu erfahren.

Der Gefängnisalltag hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, dazu kommt die Liebesgeschichte. Wie verändert sich Juliane Willbrand?
Ich glaube, es geht in diesem Film weniger um eine Liebesgeschichte als um den Prozess des gegenseitigen Erkennens zweier Menschen in einer ungewöhnlichen Situation. Für diese Frau gehört vor allem Mut dazu, in Albert Tieck nicht den Kriminellen, sondern den Menschen zu entdecken. Das befähigt sie auch dazu, Konventionen beiseite zu schieben und durch diese Veränderung selbst innerlich frei zu werden. Juliane kann Albert eigentlich nur dabei helfen, den Glauben an sich selbst wiederzufinden. Und sie stellt keine Forderungen, außer der nach Wahrhaftigkeit. Die Liebe, die daraus erwächst, ist etwas ganz Besonderes, weil sie auch die Kraft hat, seine Schuld am Tod eines anderen Menschen mitzutragen. Deshalb ist der Film fern jeglicher Klischees.

Hatten Sie zuvor schon mal die Möglichkeit, die abgeschlossene Welt eines Gefängnisses kennen zu lernen?
Nein, aber ich hatte vor langer Zeit Kontakt mit Freigängern, die zu einer Arbeit in meiner Umgebung eingesetzt waren. Aus den Gesprächen, die dabei entstanden, konnte ich mir in gewisser Weise ein Bild von dieser Welt machen.

„Liebe auf Bewährung“ ist ein eindringlicher, nachdenklicher Film. Bilder, Blicke und Reaktionen bestimmen die Dramatik. Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden?
Ich habe die Arbeit mit Bernd Böhlich als Autor und Regisseur gerade wegen der eindringlichen und unaufgeregten Erzählweise, die Raum für subtile Empfindungen lässt, als besonders erfüllend und auf ihre Weise spannend empfunden. Damit war mir als Schauspielerin die Konzentration auf sparsame Ausdrucksmittel möglich. Und in Helmut Griem hatte ich einen liebenswerten, großartigen und einfühlsamen Partner.




Sie überlegen, in Ihrer drehfreien Zeit zu studieren. Eine Parallele zu Juliane Willbrand, die – zwar aus anderen Gründen – ebenfalls nach einer neuen Herausforderung sucht. Haben Frauen heutzutage, wenn sie im sogenannten „letzten Drittel“ ihres Lebens stehen, mehr Elan, neue Gefilde zu beschreiten?
Der Beruf des Schauspielers zwingt doch ohnehin dazu, auch jenseits von heutigen „Pensionsgrenzen“ neugierig zu bleiben und sein Wissen nicht nur aus Drehbüchern zu beziehen. Außerdem ist es in unserem Beruf durchaus bekömmlich, auch mal zuhören zu müssen und nicht nur selbst das Wort zu führen. Ein Studium als Gasthörer kann sicher nicht schaden. Vermutlich gilt das auch für Männer...


HELMUT GRIEM ist Albert Tieck

Seine Karriere als Schauspieler verdankt Helmut Griem dem Zufall. Eigentlich studierte der gebürtige Hamburger Philosophie und Literatur mit dem Berufsziel Journalist. Nebenbei spielte er an freien Theatergruppen und schloss sich dann einem halbprofessionellen Laienkabarett. Er blieb als jugendlicher Charakterdarsteller und wurde bei einem Gastspiel vom Intendanten der Städtischen Bühnen Lübeck entdeckt, der ihn für die Titelrolle in Nashs „Der Regenmacher“ engagierte. Von dort führte ihn der Weg auf die wichtigsten deutschsprachigen Bühnen – nach Köln, München, Hamburg und schließlich ans Wiener Burgtheater. Helmut Griems Lehrzeit war die frühe Theaterarbeit, eine Schauspielschule musste er nie besuchen. Sein Kinodebüt gab er 1960 als Oberleutnant Krafft in „Fabrik der Offiziere“ (Regie: Frank Wisbar). Für die Rolle erhielt er seinen ersten Bambi. Trotz hoffnungsvoller Anfänge – u. a. folgte Franz Peter Wirths „Bis zum Ende aller Tage“ (1961) – kehrte Helmut Griem dem deutschen Kino schnell den Rücken zu und war hierzulande hauptsächlich auf der Bühne zu sehen. Anders jenseits der deutschen Grenzen: In Frankreich und Italien avancierte er zum Publikumsliebling, war u. a. in Viscontis „Die Verdammten“ (1969) sowie „Ludwig II.“ (1972) zu sehen und spielte neben Liza Minelli in dem berühmten Musical „Cabaret“ (1972, Regie: Bob Fosse). In Deutschland überzeugte Helmut Griem als Franz Vogelsang in Volker Schlöndorffs „Die Moral der Ruth Halbfass“ (1972) und nahm für seine Verkörperung des Hans Schnier in der Heinrich-Böll-Verfilmung „Ansichten eines Clowns“ (1976, Regie: Vojtech Jasny) einen weiteren Bambi entgegen; eine Hauptrolle in Hans W. Geissendörfers oscarnominierter Patricia-Highsmith-Verfilmung „Die gläserne Zelle“ (1978) sowie Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ (1980) schlossen sich an. Claude Chabrol besetzte ihn als Edouard in „Die Wahlverwandtschaften“ (1981), an der Seite von Romy Schneider und Michel Piccoli spielte er in „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982, Regie: Jacques Rouffio). Darüber hinaus war Helmut Griem in der europäischen TV-Produktion „Der Leutnant und sein Richter“ (1983, Regie: John Goldschmidt) zu sehen sowie in der internationalen, preisgekrönten TV-Großproduktion „Peter der Große“ (1986, Regie: Marvin J. Chomsky) neben Maximilian Schell. In 2001 zählte er zur internationalen Besetzung von Lodovico Gasparinis „Lourdes“, zu seinen deutschsprachigen Produktionen jüngeren Datums zählen Peter Patzaks Kinofilm „Brennendes Herz“ (1995), „Die Stunde des Löwen“ (1999, Regie: Niki Stein), „Der Mörder in dir“ (2000, Regie: Peter Patzak) sowie „Liebe, Lügen, Leidenschaften“ (2002, Regie: Marco Serafini). Helmut Griem, der mit mehreren internationalen Filmpreisen ausgezeichnet wurde, ist außerdem Träger des Bundesverdienstkreuzes.



Der Regisseur Bernd Böhlich zu „Liebe auf Bewährung“


Es gibt unzählige Orte, an denen sich Menschen verlieben. Manche sind besonders ungewöhnlich, manche so alltäglich, dass man nicht im Traum gedacht hätte, dass „es“ hier passiert. Manche Orte scheinen besonders geeignet, vielleicht wegen ihres Lichts, ihrer Wärme, der Musik ... sie scheinen uns geradezu aufzufordern, unsere Sehnsucht nach Liebe auszuleben! Die Erinnerung an jenen magischen ersten Augenblick wird sich für immer mit diesem Ort verbinden, an dem „es“ zum ersten Mal geschah.

Aber ein Gefängnis? Gibt es einen unromantischeren Ort als einen Knast? Nicht Kerzenlicht und Rotwein und gedämpfte Musik prägen das Ambiente, sondern ein rauer, streng reglementierter Alltag. Kein Platz für große Gefühle – oder doch? Genau das war die Herausforderung und der Reiz beim Schreiben des Drehbuchs. Juliane Willbrand, einer Frau in der zweiten Lebenshälfte, ohne Illusionen, aber nicht verbittert, ist es eines Tages zu wenig, die Zeit in ihrem geschmackvoll eingerichteten Haus zu verwarten. Doch der Vorsatz, sein Leben durch eine sinnvolle Tätigkeit zu bereichern, erweist sich als schwierig. Was bleibt ist eine Arbeit, um die sich keiner reißt: Bibliothekarin in einer Gefängnisbibliothek. Juliane Willbrand nimmt die Herausforderung an.

Für jeden Autor ist es ein besonderer Moment, die erste Fassung seines Drehbuches aus der Hand zu geben. Freude und Erleichterung vermischen sich mit Unsicherheit und Zweifel. Wochenlang hat man an seinem Computer gesessen, Sätze erfunden, laut gesprochen, aufgeschrieben, verworfen. Nun kann man nur warten und hoffen. Schon beim Schreiben gab es in meinem Kopf eine Traumbesetzung: Thekla Carola Wied und Helmut Griem – zwei wunderbare Schauspieler. Wir sind uns sofort einig, dass man die Geschichte so klar und einfach wie möglich erzählen muss – ohne falsches Pathos, ohne Sentimentalität. Und so wird die Arbeit miteinander ein Genuss: reif, respektvoll, heiter, konzentriert.

Einig sind wir uns auch in der Absicht unseres Films: Er soll ermutigen, sich auf das Leben einlassen – mit all seinen Überraschungen, seinen Niederlagen, Schmerzen und seinen wundervollen Momenten des Glücks!
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