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Die Kanzlermacher

2002

„Siege haben unglaublich
viele Väter und Mütter.
Niederlagen immer nur einen.“
(Gerhard Schröder)
Wahlstrategen Matthias Machnik und Michael Spreng
Selten war ein Wahlkampf spannender, wechselvoller und unberechenbarer als bei der Bundestagswahl 2002 – und selten war das Medieninteresse größer.

Als die Wähler am 22. September an die Urnen gingen, haben sie in unzähligen Variationen die Wahlkampfauftritte, darunter das erste TV-Duell der deutschen Fernsehgeschichte zwischen einem Kanzler und dessen Herausforderer, an den Bildschirmen verfolgt. Die Wähler sahen Schröder und Stoiber durchs Land reisen und wissen inzwischen, dass hinter den beiden Spitzenpolitikern ein ganzer Stab von Beratern steckt - die erstmals bei dieser Wahl aus dem Schatten ihrer Kandidaten ins Licht der Öffentlichkeit treten.

Die Kanzlermacher sind die Helden eines Films, der sich 6 Wochen nach der Wahl noch einmal die Zeit nimmt, den Wahlkampf aus Sicht der politischen Hinterbühne Revue passieren zu lassen. Die Hauptfiguren: Matthias Machnig (Bundesgeschäftsführer der SPD und Leiter der SPD-Wahlkampfzentrale Kampa) und Michael Spreng (Ex-BamS-Chef und Medienberater von Edmund Stoiber). Als einzige Dokumentation hat der Film „Die Kanzlermacher“ die beiden Wahlkämpfer neben Schröder und Stoiber im Bundestagswahlkampf 2002 bis über den Wahltag hinaus begleitet. In langen Interviews ist es der Regisseurin gelungen, den Protagonisten des Films nahe zu kommen. In sehr persönlichen Worten kommentieren die Wahlkämpfer teilweise aus dem Off die Ereignisse des Wahlkampfes und eröffnen dem Zuschauer auf diese Weise eine von Anbeginn an fesselnde Schlüssellochperspektive.

Machnig hatte sich den amerikanischen Wahlkampf zwischen Clinton und Dole angesehen und darauf hin eine externe Wahlkampfzentrale für die SPD ins Leben gerufen. Auf die Kampa 02, die schon zur Bundestagswahl 1998 der SPD zum Sieg verhalf, ist er sehr stolz. Spreng hingegen wurde erst 2002 von Edmund Stoiber zum Wahlkampfberater berufen. „Macht? Habe ich natürlich nicht! Ich bin ein Dienstleister. Und Stoiber ist mein Chef.“ Sprengs Kollegen empfangen ihn mit Misstrauen: „Am Anfang gab es ein gewisses Fremdeln, vor allem von dem einen oder anderen aus der CDU/CSU, dem ich früher heftig auf die Zehen getreten habe in meiner Tätigkeit als Journalist. Auch gab es das Vorurteil, ich sei gewissermassen von Schröder bei der CDU eingeschmuggelt um den Wahlkampf kaputtzumachen.“

Zwei Wahlkampfmanager verbindet als Gegner ein gemeinsames Ziel: am Wahlabend ihren ganz persönlichen Sieg davonzutragen. Matthias Machnig: „Das einzige, was man in diesem Job bekommen kann ist ein bisschen Respekt. Mehr nicht.“ Jenseits der aktuellen Berichterstattung ist der Film „Die Kanzlermacher“ eine Suche nach


dem persönlichen Gehalt des Medienwahlkampfes 2002. Er begleitet die beiden Protagonisten und ihre Teams in den Wahlkampfzentralen, auf Wahlkampfreisen und Parteitagen und im Umfeld der TV-Duelle. Dabei sind es gerade die kleinen Szenen am Rande, die nicht selten Komik und Absurdität bergen. Die Wahlkämpfer offenbaren ihre Euphorie, ihren Frust, ihre Müdigkeit und vor allem ihren eisernen Willen – aber auch die ständige Angst vor der Niederlage.

Auf den beiden Kanzlermachern lastet der Druck der öffentlichen Meinung, die den Ausgang der Wahl an ihrer Arbeit festmacht. Die Anspannung spiegelt sich in besonderer Weise im Umgang mit der Kamera wieder und macht den Film zu einem spannenden „work in progress“ mit Menschen, die je nach Umfragewerten zwischen offener Vertrautheit und kühler Distanz schwanken. Von seinen Parteigenossen erhält Machnig wenig Rückendeckung. Franz Müntefering: „Matthias hat besonders viel aushalten müssen, ist klar. Wenn es bei der SPD etwas drunter und drüber ging, dann hat er das auf dem Buckel gehabt. Er hat das ausgehalten, und ich konnte etwas lockerer sein. So ist das im Leben und mit den Jobs, die man so hat.“ Auch das Verhältnis zu Kanzler Schröder ist eher pragmatisch: „Das ist ein Arbeitsverhältnis, da muss man sich nicht lieben“, meint Machnig.

Am Wahlabend werden bei der CDU/CSU schon die Champagnerflaschen geöffnet, doch dann die Veränderungen im Detail: um wenige Prozentpunkte gewinnt die rot-grüne Koalition die Wahl. Machnig: „Und am Ende haben immer alle Recht. Wenn man gewonnen hat, haben alle immer recht. Wenn man verloren hätte, hätte ich unrecht gehabt. Das wusste ich immer. Und jetzt hab ich nicht recht, aber alle anderen haben recht.“

Die beiden Konkurrenten traten nicht nur hinter den Kulissen als erbitterte Gegner auf und waren doch bereit, sich für diesen Film nach der Wahl noch einmal zu treffen und gemeinsam über die nervenaufreibende Zeit des Wahlkampfes zu sprechen. Die berufliche Zukunft ist für die beiden Wahlkampfmacher offen, um nicht zu sagen ungewiss. Machnig träumt von Australien, Spreng von einer Weltreise. Es ist schön, noch Träume zu haben, die nicht politisch motiviert sind. Machnig: “Und wissen Sie, worauf ich mich am meisten freue? Auf den Bundestagswahlkampf 2006. Den verfolge ich nämlich als Zuschauer.“
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