29.04.2003

Rede von Regina Ziegler gehalten am 3. April 2003 anläßlich des Berlin Gipfels von agenda@berlin im Berliner Abgeordnetenhaus

Kapital der Kapitale? Über den Mut zu Neuerungen

Ich liebe New York. Ich bin gerne in Zürich. Noch lieber in Cannes. Ich schaue neidvoll auf solche Städte. Doch ich lebe nach dem Motto: Was kümmern mich die Stärken der anderen! Ich muss nicht auf die Pfunde der anderen schauen. Und jammern, dass ich sie nicht habe.

Man muss mit seinen eigenen Pfunden wuchern.

Vielleicht erscheint Ihnen das ein wenig einfach. Aber das Komplizierte sollen die Komplizierten machen.

1.

Die Wolkenkratzer von Manhattan gäbe es nicht ohne den gewaltigen felsigen Untergrund. In Berlin baut man eher auf märkischem Sand. Es gibt zwar auch Häuser, aber eben andere. Soll ich mich darüber beschweren?
Cannes zum Beispiel ist ein wunderschöner Platz am Mittelmeer. Wie geschaffen für Filmfestspiele. Doch Berlin hat auch Filmfestspiele, die sich fabelhaft entwickelt haben. Und zwar völlig ohne Mittelmeer. Mitten im kalten Winter. Es muss also etwas anderes sein, vielleicht auch nur ein toller Chef.

Hollywood ist zum Zentrum der Filmproduktion auch deshalb geworden, weil das Licht dort für das Belichten von Zelluloid extrem günstig ist. Weil es viele Sonnentage gibt. Berlin wird Hollywood nicht werden können, schon der Sonnentage wegen. Aber natürlich können in Berlin/Brandenburg Filme entstehen, die es mit Hollywood aufnehmen können. Wenn zum Beispiel der Stoff stimmt, siehe der Pianist von Polansky, der gerade den Oscar gewann.

Ich will damit sagen: wir müssen nicht darüber jammern, dass wir den Fels und das Meer und die Sonne nicht haben. Wir müssen nicht darüber reden, was uns fehlt.
Was uns Natur und Schicksal, Klima und Geschichte vorenthalten haben. Das könnte eine lange Liste werden. Wir müssen unsere Phantasie darauf richten und fragen: was ist unser Fels und unser Meer und unsere Sonne?

2.

Ich fange einmal ganz außen an. Berlin ist im Augenblick eine der Metropolen der Welt. Metropole ist aber nicht nur ein schönes Wort. In einer Metropole gibt es alles und alle.

Alle sind hier. Alle Künste, alle Künstler. Autoren. Musiker. Komponisten. Photographen. Techniker. Schauspieler. Regisseure.

In einer Stunde höchstens sind sie alle bei mir im Büro, wenn sie nicht gerade besetzt sind und ich ihnen etwas anbieten kann.

Und es werden immer mehr. Ich kenne nur ganz wenige Orte, in denen es nach Exzellenz und Zahl so viele sind. Tendenz steigend. Das ist unser Fels. Das ist unsere Sonne und unser Meer.

Diese Leute kommen aus verschiedenen Gründen hierher. Sie kommen zum Beispiel, weil es so aussieht, als könne man gut leben in Berlin. Sie suchen das Interessante, das Aufregende. Nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Politik, im Gemisch der Kulturen, in der Internationalität.

Wenn auch nicht der Flughäfen. Da können sie lange suchen! Sondern der Musik, der Lokale, der Völker. Der Leute. Sie suchen Ihresgleichen.

Die beste Talkshow in der ARD hieß einmal Leute. Sie kam aus dem Café Kranzler. Die Moderatoren waren Wolfgang Menge, Gisela Marx, Elke Heidenreich. Es war auch die Talkshow mit dem besten Titel: Leute! Leute gehen dorthin, wo Leute sind. Das klingt banal, aber es funktioniert seit Menschengedenken. Und wo Leute sind, da wollen andere Leute zuschauen. Und so weiter.

Als Hegel einmal gefragt wurde, warum es in seinen Vorlesungen so voll sei, hat er gesagt: „die Studenten kommen meinetwegen und die Mädchen kommen wegen der Studenten. Die Soldaten kommen wegen der Mädchen. Also brauchen wir dreierlei Arten von Leuten: Studenten, Soldaten und Mädchen“.

3.

Es sind die Leute, die das Klima machen. Interessante Leute machen ein interessantes Klima. In einem solchen Klima entstehen dann alle möglichen Sachen. Da gibt es hervorragende Kliniken. Herausragende Universitäten. Grandiose Operninszenierungen. Filmfestspiele, die neuerdings wirklich Spaß machen.

Mir geht es so: Wo ich gerne lebe, da mache ich auch gern etwas. Und was ich gerne mache, mache ich meistens gut. Also muss man darauf achten, dass es ein Klima gibt, in dem man etwas gerne macht. Eines, das ein bisschen einzigartig ist. Das es nur hier gibt. Jedenfalls nicht überall.

Dieses Klima kommt erst einmal von den Leuten. Aber auch von ein paar anderen Sachen. Es hat ganz bestimmte Feinde. Provinzialität zum Beispiel. Den engen Horizont. Die Angst vor dem Risiko. Das kleine Karo. Die Selbstbezogenheit. Es ist provinziell, sich fortgesetzt zu sagen, wie toll die Stadt ist, in der man lebt. Aber in Berlin ist das gut probiert.

Vielleicht sogar wichtig in Zeiten des kalten Krieges. Heute ist das nichts mehr wert. Es stört eher. Man muss zum Beispiel auch aufhören mit einer Dauerdebatte darüber, wie viele Opern man braucht und ob man durch das Brandenburger Tor fahren darf. Einmal ist das in Ordnung. Auf Dauer schafft das nur Klimastürze.

Ein gutes Klima entsteht übrigens nicht, wie viele glauben, durch Exklusivität allein. Es macht keinen Sinn, wenn alle nur immer dieselben sind. Autos kaufen keine Autos, hat Henry Ford gesagt. Klima entsteht durch Offenheit, durch Inklusivität. Durch das, was man in den Netzwerken den access nennt.

Nicht: bin ich schon drin? Sondern: habe ich eine Chance, rein zu kommen? Abgeschlossene Zirkel sterben den Wärmetod.

4.

Das Klima einer Metropole hängt immer mehr auch von ihren Medien ab. Und zwar in einem doppelten Sinn.

Erstens braucht eine Metropole Medien, die eine Rolle spielen in der Welt. Zum Beispiel Blätter, die die Welt bedeuten. Typ New York Times. Le Monde. Nicht mehr ganz so gut: The Times. Oder TV-Sender, die die Kultur einer Metropole zeigen und mit schaffen. Kulturveranstalter! Sie braucht Radiosender, die mehr sind, als ein flacher See für tausend Werbeinseln.

Ich glaube, bei allem Respekt vor dem, was es gibt, dass man hier noch zulegen kann.

Zweitens braucht eine Metropole Produzenten. Für Filme oder Fernsehen.

Damit bin ich bei meinem Gewerbe. Einem Gewerbe, das nicht deshalb nach dem Geld geht, weil die Produzenten ihr Handicap verbessern wollen, sondern, weil gute Ware teuer ist. Man kann sich das nicht oft genug sagen. Es ist deshalb auch ein Gewerbe, das einen Rahmen braucht, der einen nicht von Banken abhängig macht, die nichts mehr leihen.

Ein Gewerbe, das Förderung aus öffentlichen Mitteln nach wie vor braucht, wenn es nicht weit zurückfallen soll.

Ein Gewerbe auch, das Auftraggeber, das Sender braucht, die Aufträge vergeben. Vielleicht gibt es ja demnächst einen solchen, nach fünfzig Jahren, in denen meistens Stillstand war. Und gut wäre auch, wenn die Union von Berlin und Brandenburg, die in diesem neuen Sender Realität wird, die Grundlage für Medienhandeln im Allgemeinen würde. Ein Wettbewerb, um Aufträge in einer Distanz von wenigen Kilometern macht keinen Sinn.

Nicht alles kostet Geld. Manchmal reichen auch gute Worte. Eine Metropole ist neben allem anderen auch ein riesiger Drehort, eine gigantische location. Aber natürlich nur dann, wenn ich mit meinen Produktionen fast überall hin darf. Wenn nicht Bürokratie hemmt oder verhindert. Dabei gibt es keine bessere public relations für eine Metropole, als wenn man ihre Wahrzeichen in aller Welt sieht – in den Filmen.

Und noch so eine Kleinigkeit. Die Erfahrung lehrt, dass es die Schulen sind, die Film- und Fernsehhochschulen, die dafür sorgen, dass die Absolventen hängen bleiben am Ort ihrer Ausbildung.

Diese Schulen sind nicht ein Klotz am Bein, wie man oft den Eindruck hat, sondern tatsächlich das Gelbe vom Ei. Wer diese Schulen pflegt, spart später viel Geld.

Man sollte aber auch über den Tellerrand des einzelnen Mediums hinaussehen. Es ist ja viel von Konvergenz die Rede. Und das meint nicht nur, dass Technologien zusammenwachsen in einer digitalen Welt.

Vielleicht ist es auch notwendig, dass die einzelnen Sparten sich umschauen und prüfen, wo sie Anschluss finden. Was können welche zusammen machen, die bisher allein gegangen sind? Kann man sich etwas vorstellen, das funktioniert wie ein Ärztehaus und das jetzt Medienhaus heißt?

Ich sage das, weil mir zweierlei klar ist. Einzelgänger haben es schwerer und schwerer. Aber wenn sie aussterben würden, gäbe es auch viel weniger Risiko, viel weniger Innovation. Viel weniger gutes Klima. Konzerne in allen Ehren, aber sie dämpfen den Wettbewerb. Und ohne Wettbewerb legen sich auch die Kreativsten irgendwann auf die faule Haut.

5.

Die Position, die ich hier vertreten habe, zeigt Ihnen: mit dem Neuen und den Neuerungen ist das so eine Sache. Von Neuerungen redet man gerne, wenn man mit dem Vorhandenen nicht mehr richtig hinkommt – aus welchen Gründen auch immer.

So, wie man von neuen Gesetzen redet, wenn man mit den vorhandenen nicht hinkommt, obwohl sie eigentlich alles haben, was man braucht.

Meine Erfahrung ist, dass man nicht jeden Tag den tiefen Teller neu erfinden muss. Das Neue ist kein Wert an sich. Es kommt, wenn der Druck groß genug ist. Man kann meistens nur ein wenig nachhelfen. Mühsamer, aber am Ende effektiver ist es nach meiner Erfahrung, das Vorhandene immer wieder zu prüfen und nachzusehen, was es für eine Kraft noch hätte, wenn man sich darum bemühen würde, denn: es gibt keine neuen Ideen in der Kultur, sondern nur vergessene.

Sich trauen, das zu machen, was geht, ist mehr als sich trauen, was ohnehin nie gehen wird. Mir ist der Spatz in der Hand lieber, als keine Taube auf dem Dach.

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