Besetzung
Udo Samel, Jutta Lampe, Dirk Nawrocki, Stephan Bissmeier, Bernd Ludwig, Stephan Meyer- Kohlhoff
Stab
Regie
Andrzej Wajda
Kamera
Kurt Oskar Herting & Martin Herden & Horst Thomas& Frank Tilk
Schnitt
Heide Böhm
Ton
Peter Rafailov
Musik
Zygmund Koniedzny
Szenenbild
Krystyna Zachwatowicz
Produzent
Regina Ziegler
Redaktion
Hans W. Reichel
Infos
Sender
ZDF
Genre
TV Play
Länge
117 min.
Schuld und Sühne
1986

Die Dramatisierung von Andrzej Wadja konzentriert den Roman von Fjodor M. Dostojewski auf die drei Hauptfiguren: Der Student Raskolikow hat eine alte Geldverleiherin erschlagen. Die Tat geschah weniger aus Habsucht, sondern weil er den Ehrgeiz hatte, ein perfektes Verbrechen zu begehen. Raskolnikow fühlt sich als intellektueller Übermensch befähigt und berufen, ein so minderwertiges, armseliges Leben wie das einer Wucherin auszulöschen. Hier sieht Wadja den Ansatz für eine faschistoide Ideologie, die er mit den Mitteln des Theaters durchleuchtet und kritisiert. Der Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch wird zum Gegenspieler: Er kann Raskolnikow nichts beweisen, aber intuitiv spürt er in ihm den Gewalttäter und treibt ihn in die Enge bis zum Zusammenbruch und zum Geständnis. Nur das Straßenmädchen Sonja mit seiner Demut, seinem Gottvertrauen, bringt Menschlichkeit und Trost in diese lichtlose Unwelt. Ihr gelingt es, in Raskolnikow Schuldbewußtsein und den Entschluß zur Sühne zu wecken. Andrzej Wadja, durch seine Filme "Asche und Diamant", "Der Mann aus Marmor", "Danton" und "Eine Liebe in Deutschland" einer der großen Gestalter des heutigen Kinos, findet immer wieder den Weg zurück zum Theater, von dem er seinen Anfang nahm. Einen besonderen Platz findet hier Dostojewski, von dem er bereits in Krakau 1971 "Die Dämonen" in der Dramatisierung von Albert Camus inszeniert hat. Auch sein letzter Film ist diesem Thema gewidmet. In Deutschland konnte man seine Inszenierung von "Schuld und Sühne" bereits vor einigen Jahren in einer polnischen Aufführung sehen. Wadja war damals mit dem Stary Teatre aus Krakau beim Frankfurter Festival Theater der Welt zu Gast, und die Redaktion Schauspiel im ZDF konnte Ausschnitte davon im Festival- Film "Die Zeitsucher" von Norbert Kückelmann zeigen. In der vorliegenden Theaterumsetzung sehen wir erneut die Auseinandersetzung mit dem Raskolnikow-Stoff, die Wadja mit einem deutschen Ensemble, mit Jutta Lampe, Udo Samel und Stephan Bissmeier an der Berliner Schaubühne erarbeitet hat.
Was kann Wadja so nahchaltig an Dostojewski interessieren, von dem er bisher auch noch weitere Texte, wie "Der Idiot" und die "Sanfte" auf dem Theater erprobt hat. Aufschlußreich ist der Vergleich mit dem russischen Regisseur Jurij Ljubinow, der 1984 gleichfalls diesen Dostojewski- Stoff aufs Theater gebracht hat. Ljubinow nennt seine Arbeit nicht "Schuld und Sühne", sondern "Verbrechen und Strafe" und entfaltet einen Hexenkessel an Bewegung, an Emotionen, an expressivem Ausdruck.
Karg und streng dagegen die Sicht von Wadja: Ihn interessiert die theologische Frage- die Versuchung zum Herrenmenschen, die Ideologie des Gewalttäters, der für sich eine Ausnahmemoral in Anspruch nimmt, die es nie geben darf. Diese Frage stellt Wadja in einem Psychoduell und kreist die Personen und ihre Ideologien immer enger ein. So folgen wir hier einem Gedankendrama über den Mißbrauch von Freiheit, von Autonomie. Kein Theaterstück im üblichen Sinn ist hier zu sehen, aber eine geistige Auseinandersetzung von großer Eindringlichkeit.
(Siegfried Kienzle, Spiel im ZDF)