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Mr. Bundesrepublik

2006

Vom Balkon der deutschen Botschaft im Prager Palais Lobkowicz verkündet Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989: Sämtliche DDR-Flüchtlinge, mehrere tausend, die sich hier versammelt haben, können in die Bundesrepublik ausreisen. Der Rest seiner Worte geht im Jubel unter.
Mr. Bundesrepublik beginnt mit diesen bewegendsten Momenten seines Lebens, dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, der unerhörten Begebenheit, mit der die Geschichte der Teilung Deutschlands endete. Der Film zeigt: Mit Genschers Name verbindet sich nicht nur eine große politische Karriere. Als er aus dem Kabinett ausschied, 1992, war er 23 Jahre lang Minister – vier Jahre Innenminister, achtzehn Jahre Außenminister. Sein Name steht in der Außenpolitik für die Epoche, in welcher der Kalte Krieg zu Ende ging und Europa keine Angst mehr vor einem einigen Deutschland hatte.
Am Prager Balkon, das zeigt der Film, schließt sich aber auch der Kreis. Genscher, am 21. März 1927 geboren, unmittelbar vor seinem 80. Geburtstag, stammt aus der Nähe von Halle. Das ostdeutsche Halle bleibt seine Heimat, der Ort, der ihn am meisten prägte und zu dem er immer wieder zurückkehrt. Eine Jugend im Dritten Reich, Hitler-Jugend, Flakhelfer, Soldat, der sich vor den Russen über die Elebe rettet. Das Elternhaus bürgerlich und konservativ. Ein deutscher Normallebenslauf. Viel von seiner politischen Grundhaltung lässt sich nur so verstehen.
Genscher, der sich früh in den Westen absetzt, zu den Liberalen geht, weil er um den Kommunismus einen weiten Bogen machen will, wird Jurist – und eher zufällig, unmerklich, Berufspolitiker. Er ist Lehrling, die Bundesrepublik aber muss sich auch erst erlernen. Beides verläuft parallel. Dieser Spur geht der Film nach. 1969 sitzt er erstmals an einem Kabinettstisch. Nicht unter, an der Seite von drei Kanzlern – Brandt, Schmidt, Kohl – wird aus der „geborenen Nummer zwei“ einer, der zur Spitze der Republik gehört. Keine Zäsur, kein Machtwechsel, woran er nicht Anteil hätte. Immer ist er ein „Mann der Mitte“, will es auch sein.
Hauptzeuge ist Genscher, der vor allem aus seinem politischen Leben erzählt. Privates und Politisches fließen ineinander. Eine schwere Lungen-TB wirft ihn fast aus der Bahn, die Krankheit holt ihn immer wieder ein. Er lernt, sie zu kontrollieren. Er führt ein Leben unter strenger Selbstkontrolle. Kronzeugen jener Zeit urteilen – über die Dramen, deren Teil er war, über ihn: Gorbatschow und Kissinger, Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt, Schulfreunde, Genschers „junge Leute“ Verheugen, Kinkel und Baum, seine engsten Mitarbeiter aus dem Auswärtigen Amt. Als erster vernetzt er sich eng wie keiner zuvor mit den Medien, der Journalist Friedrich Nowottny erzählt über diese Seite seiner Umtriebigkeit, aber auch seine Sprecher schildern offen, wie das im Alltag zuging: Außenminister in der Mediendemokratie.
Zwei Mal droht er die Kontrolle zu verlieren, zwei Mal steht er vor dem Scheitern. Über beide Stationen spricht er vor der Kamera. 1972, bei den Olympischen Spielen in München, entführen Palästinenser israelische Sportler, bei einer missglückten Befreiungsaktion kommen alle ums Leben. Willy Brandt nimmt sein Rücktrittasangebot nicht an. 1974 wird engültig Günter Guillaume enttarnt, ein DDR-Agent im Kanzleramt, der größte Spionageskandal der Bundesrepublik. Wieder ist es Brandt, der seinen Rücktritt ablehnt. Gerade an Brandt bindet ihn mehr, über ihn spricht er verehrungsvoller als über fast alle. Zu Schmidt bleibt das Verhältnis kühl, obwohl er in der Sache mit ihm übereinstimmt. Zu Kohl ist das Verhältnis herzlich, obwohl sie sich in der Sache häufig nicht einig sind.
Brandts und Scheels Ostverträge begleitet er „juristisch“, um sie abzusichern. „Seine“ Ostpolitik wird aber die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit 1975 in Helsinki. Künftig können sich darauf Dissidenten und Bürgerrechtler in Osteuropa, Sacharow, Havel, Michnik, stützen. Viel haben die KSZE tatsächlich unterschäzt, auch Kissinger räumt das ein. Seine Methode entsteht: Ein Netzwerk des Vertrauens, quer durch Europa. Und Abendessens-Politik bei Ria Maternus in Godesberg. Die Bundesrepublik soll der europäischste aller Staaten werden, zurückhaltend, nicht auftrumpfend. Mit Schmidt ist er sich jedoch einig: Der Westen muss mit einer neuen Aufrüstungsrunde drohen, wenn beide Seiten ernsthaft abrüsten sollen. Dagegen läuft die Friedensbewegung Sturm, von Brandt unterstützt; Sturm läuft sie auch gegen Genscher. Nicht nur die SPD, auch breite Teile der FDP hadern mit der Regierung. Sie scheitert 1982. Lambsdorff habe das betrieben, nicht Genscher, sagt Schmidt in die Kamera. Er sei sehr unfair behandelt worden, sagt wiederum Genscher. Die sozialliberale Koalition, für die Bundesrepublik ein heilsames Experiment, war objektiv am Ende, sagt Gesine Schwan. Wunden sind bis heute geblieben.
In den dramatischen achtziger Jahren ergreift Genscher, der Übervorsichtige, immer klarer Partei. Er steht nun für „Kontinuität“, womit die Christdemokraten hadern. Sie opponieren fast gegen alles, was er für richtig hält: Schon die KSZE trug Kohls Partei nicht mit, Polens Westgrenze will sie nicht anerkennen, im zweiten Kalten Krieg der 80er Jahre will sie neue Aufrüstung, Genscher bremst. Der Film zeichnet diesen Konflikt nach, der nie offen ausgetragen worden ist. Unübersehbar wird es für jedermann, als Kohl Moskaus Generalsekretär Gorbatschow mit Goebbels vergleicht – man solle Gorbatschow beim Wort nehmen, hält Genscher eilig dagegen.
Ohne ein Klima der Entspannung, davon ist er überzeugt, wäre es nicht zu Gorbatschow gekommen, und ohne Gorbatschow nicht zu 1989. Die Einigung Deutschlands, das Ende des Kalten Krieges, „das fiel 1989 nicht vom Himmel“. Der Film handelt von dieser Vorgeschichte, die dahin führte. Er widerspricht dem Geschichtsbild Kohls.
Gegen Widerstände von fast allen, im In- und Ausland, habe er die „Einheit“ erkämpfen müssen, so beschreibt Kohl diese Zäsur. Nur mit Hilfe all jener, die zu den Deutschen – auch zu ihm – Vertrauen gefasst hätten, konnte die „Einheit“ glücken, lautet Genschers Version. Das Vertrauensnetz trug, seine Rechnung war aufgegangen.
Die stille Pointe: Als er ausscheidet aus dem, plädiert nicht Kohl, sondern der Verteidigungsminister dafür, ihn mit dem „Großen Zapfenstreich“ zu ehren, einmalig für einen Außenminister. Der Kalte Krieg, aber auch die Ära Genscher ist zu Ende. Seine Bundesrepublik, eine Erfolgsgeschichte. Die Blöcke bremsen nicht mehr, am Balkan beginnt der Krieg. Und „Genschman“ wird Kult in Comics, nicht nur in Halle.
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