Artikel Tagesspiegel Februar 2008

29.02.2008

Produzentin Regina Ziegler „Wir können nicht klagen!“ Ratlose Sender: Da freut sich Deutschlands erfolgreichste Produzentin. Regina Ziegler über Trüffelschweine, Plastikfilme und West-Berlin. "Ob gut oder schlecht, ich schaue mir alles an", sagt die in Berlin arbeitende TV-Macherin. "Ein Produzent lebt von einer Mischung aus Anregung und Aufregung."

27.2.2008 0:00 Uhr

Frau Ziegler, das deutsche Fernsehen scheint zurzeit ein bisschen nervös, so schnell werden Serien und anderes abgesetzt. Wie steht es um Ihre Nerven?

Ziemlich gut. Produzieren war, ist und bleibt ein schwieriges Geschäft. Aber ich sehe keine Veranlassung zur Panik. In Amerika ist es gang und gäbe, dass Serien nach nur einer Folge abgesetzt werden. Jetzt ist das auch bei uns ein oder zwei Mal passiert. So what?

Nicht mal eine klitzekleine Schrecksekunde?

Ich erlebe meine Schrecksekunden eher, wenn Etats überzogen oder Drehzeiten überschritten werden.

Bei RTL zum Beispiel scheint man die Lage kritischer einzuschätzen.

Das mag ja sein. Aber die bitterste Pille haben im Falle solcher Absetzungen immer noch die Produzenten und die Schauspieler zu schlucken. Es tut vor allem den Produzenten, aber auch den Schauspielern und dem ganzen Stab weh, wenn eine Serie wie „Die Anwälte“ nach nur einer Folge abgesetzt wird.

Was, wenn Sie das Unglück gehabt hätten, „Die Anwälte“ produziert zu haben?

Dann wäre ich wahrscheinlich in die Luft gegangen. In einer Serie steckt ja wahnsinnig viel Arbeit. Und das so versacken zu sehen, wäre eine irre Belastung.

Ist Ihnen jemals etwas Ähnliches passiert?

Nicht mit einer Serie, aber mit einem Film, den der Regisseur Hans Neuenfels gemacht hat. Das war ein Film für den SFB über das imaginäre Leben von Jean Genet. Dieser Film wurde nie gesendet, weil er, wie man mir zur Begründung sagte, zu viel Fäkalsprache enthalte. Das tat weh.

Müssen wir uns Sorgen um die Produzenten machen oder nicht?

Für uns Produzenten ist es nicht das Schlechteste, wenn die Sender nicht wissen, was sie machen sollen. Dann nämlich sind wir mit unseren Ideen gefragt. Wenn die Sender genau wissen, was sie wollen, dann machen sie es selber. Und wir müssen draußen bleiben oder die Ideen anderer einfach vollziehen.

Mögen die Sender auch ratlos sein, Sie sind es nicht.

Nein. Das könnten wir uns auch gar nicht leisten. Meine Tochter Tanja und ich sind ein eingespieltes Team. Wir sind wie die Trüffelschweine immer auf der Suche nach neuen Stoffen. Und wir stoßen nach wie vor auf diese teuren Pilze.

Gibt es in Ihrem Geschäft so etwas wie die sichere Karte oder das goldene Pferd, das immer gewinnt?

Es gibt Schauspielerinnen, die garantiert gute Quoten bringen. Christine Neubauer gehört dazu, Maria Furtwängler oder Veronica Ferres. Da ist man immer auf der sicheren Seite. Im Augenblick scheinen Familienstoffe wieder gefragt zu sein. Religiöse Themen sind ebenfalls im Kommen. Und sogar die Komödie erlebt eine Wiederauferstehung, nachdem sie einige Jahre mausetot war. Die Leute wollen offenbar wieder etwas zu lachen haben, vielleicht vor allem solche, in deren Leben es nicht viel zu lachen gibt.

Und was läuft nicht so gut?

Zum Beispiel was wir Plastikfilme nennen. Das sind schnell gemachte Filme, in denen es eigentlich um überhaupt nichts geht. Die Zuschauer fordern wieder Werte ein. Das Klima wird, was dies betrifft, wieder etwas konservativer.

Wie schaffen Sie es, dem Zuschauer, dem unbekannten Wesen, auf die Schliche zu kommen?

Ich denke da sehr direkt: Was mir gefällt, ist das, was hoffentlich auch dem Zuschauer gefällt. Ich bin zuschaueraffin. Von den 25 erfolgreichsten Top-Movies des letzten Jahres haben wir sechs produziert. Wir können uns einigermaßen auf unseren Geschmack verlassen.

Regt Sie so etwas wie die neue ARD-Stylingshow mit Bruce Darnell auf?

Mich regt es nicht auf, sondern an. Ob gut oder schlecht, ich schaue mir alles an. Jedes Bild regt an. Ein Produzent lebt von einer Mischung aus Anregung und Aufregung. Vor allem von seinen Ideen.

Roger Schawinski ...

Ich denke, der ist gar nicht mehr bei uns?

... Roger Schawinski, der Ex-Chef von Sat 1. Schawinski sagt, die deutsche Serie sei mausetot. Jedenfalls bei Sat 1.

Da warne ich die Grabredner. Das deutsche Fernsehen ist doch randvoll mit deutschen Serien. Außerdem darf ich darauf hinweisen, dass wir gerade bei einer Ausschreibung, in der es um eine neue deutsche Serie geht, unter die ersten Fünf gekommen sind. Und nun raten Sie mal, für welchen Sender diese Serie produziert werden soll. Für Sat1.

Mit anderen Worten, Herr Schawinski hat keine Ahnung.

Muss er ja auch nicht mehr haben. Es reicht. dass er ein intelligenter Senderchef war.

Sie müssen als selbstständige Produzentin massiv in Vorleistung gehen. Alles auf eigene Kosten?

Zum größten Teil ja. Aber wenn ich der Auftraggeber wäre, und es ginge um acht Millionen, dann würde ich mir auch alles Mögliche vorlegen lassen, um so gut es geht auf der sicheren Seite zu sein. Also mindestens drei oder vier Drehbücher, Besetzungsvorschläge, bei denen sicher ist, dass die Schauspieler auch mitmachen werden, und dann natürlich nur Top-Autoren und –Regisseure, die schon einen „Letter of intent“, also eine verbindliche Absichtserklärung unterschrieben haben müssen - das alles würde ich erwarten. So sieht in meinen Augen eine professionelle Geschäftsgrundlage aus.

Ein hohes Risiko. Für die Produzenten.

Das sind die Regeln. Und erst ab der zweiten Staffel kann man dann auch Geld verdienen.

Es wird ja so viel geklagt. Ist das Geschäft in den letzten Jahren wirklich signifikant zurückgegangen?

Im Gegenteil: Es wird so viel produziert wie noch nie. Allein in Berlin wurden in den letzten beiden Jahren bei Film und Fernsehen zwei Milliarden Euro umgesetzt. Die Kostümverleiher haben Engpässe. Berlin boomt. Wir können wirklich nicht klagen.

Ist ein Produzent Mädchen für alles?

Der Produzent ist beides: Herr und Knecht. Und der Erste, der dafür verantwortlich gemacht wird, wenn mal etwas floppt. Die Produzenten sind die Einzigen, die wirklich von Anfang bis Ende dabei sind, von der Idee bis zur Veröffentlichung. Das macht sie mächtiger, als sie sich gerne geben. Der große Luxus in meinem Geschäft ist, dass ich mir etwas ausdenken und es dann auch noch realisieren kann. Jedenfalls hin und wieder. Dieses Privileg haben nicht viele.

In diesem Jahr feiern Sie Jubiläum: 35 Jahre Ziegler Film. Und immer im Westen Berlins angesiedelt. Da wird es doch Zeit für den definitiven West-Berlin-Film.

Ganz ruhig! Er kommt, und zwar schon im November. Ein Dreiteiler im ZDF, der „Die Wölfe“ heißen wird und in dem es um Berliner Schicksale im Laufe der Zeiten gehen wird. Aber erwarten Sie keine sentimentale Rückschau auf das angeblich so beschauliche West-Berlin. Wir zeigen ein Stück vom wahren Leben und vom ganzen Berlin.

Nach all den wilden Jahren im Film- und Fernsehgeschäft werden Sie sicher weise geworden sein.

Weise? Nein! Auch nicht schlau. Schlau muss man nur sein, wenn man nicht klug ist. Also: vielleicht wird man mit der Zeit klüger als andere.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.02.2008)

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