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Hintergrund

Verführung in Vollendung

"Die schönste Sache der Welt" geht weiter: Die ARD präsentiert zwölf neue erotische Meisterwerke und wiederholt die Filme der ersten Staffel der "Erotic Tales" Ab 5. Januar 2001, Freitags 22.45 Uhr, im Ersten

Die Resonanz war gewaltig, als der WDR Anfang 1996 mit einer beispiellosen Reihe im Ersten der "schönsten Sache der Welt" huldigte. Zwölf der weltweit angesehensten Filmemacher waren aufgefordert worden, sich in erotischen Halbstündern dem zweifellos reizvollsten und delikatesten aller möglichen Filmthemen zu widmen. Anspruchsvolle Erotik vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Die Sensation war perfekt: "Überraschende Einblicke aus der Ersten Reihe" vermeldete der "Stern". Ein Programm, das der "Spiegel" eindeutig "Jenseits vom Dirndlsex" ortete. Und die Züricher "Sonntagszeitung" bilanzierte: "ARD setzt auf Erotik mit Niveau – und gewinnt."

Endlich ist nun das zweite Dutzend voll geworden: Am Freitag, den 5. Januar 2001, macht der israelische Filmemacher Amos Kollek den Anfang: Einsam in Manhattan erlebt ein 70-Jähriger eine unverhoffte erotische Offenbarung in Gestalt der geheimnisvollen "Angela". Für Kollek bietet sich nach seinem Welterfolg "Sue" die Gelegenheit zu einem weiteren, in jeder Hinsicht anregenden New Yorker Frauenporträt. Bis Ende März folgen dann, jeweils freitags, die weiteren neuen Filme, die auf Festivals in aller Welt bereits zu Publikumslieblingen geworden sind. Nicht weniger als 250 Festivals in 44 Ländern haben inzwischen die erotischen Kurzfilme der Berliner Produzentin Regina Ziegler präsentiert – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Bevor dann noch einmal die Filme der ersten Staffel laufen – unter anderem Arbeiten so berühmter Filmemacher wie Ken Russell, Bob Rafelson, Nicolas Roeg, Susan Seidelman oder Detlev Buck – brennt ein erotisches Premierenfeuerwerk erster Güte ab: Jeder einzelne Film folgt dabei dem von Regina Ziegler gern zitierten Motto des spanischen Dramatikers Fernando Arrabal: "Wenn es nicht erotisch ist, ist es nicht interessant." Dabei setzten sie und WDR-Redakteurin Karin Zahn der Phantasie der Filmemacher keine Grenzen – und erst recht keine Zensurauflagen: "Wenn es Scheren gab, dann gab es die in den Köpfen der Regisseure selbst", erklärt Ziegler. "Ich fordere sie immer auf, ihren erotischen Vorstellungen freien Lauf zu lassen."

"Tatort"-Regisseur Markus Fischer tastet sich beispielsweise in "Das rote Strumpfband" auf provozierende Weise an die psychologischen Grenzbereiche von Sex und Gewalt. Rosa von Praunheim präsentiert am 19. Januar sogar einen waschechten Pornostar: Jeff Stryker spielt die Titelrolle in seiner kannibalistischen Sexphantasie "Can I Be Your Bratwurst, Please?" Nicht weniger als 80 Filmfestivals buchten bereits das furios-schillernde Comeback des Berliner Kultregisseurs. Eine eher impressionistische Filmsprache wählt dagegen der georgische Kinoveteran Georgi Shengelaya in seiner Behandlung des alten Sprichworts vom Spatzen in der Hand: Seine "Georgischen Trauben" hängen dabei filmisch auf höchstem Niveau .

Dass Erotik in jedem Kulturkreis andere Formen hat, dabei aber durchaus grenzüberschreitend ist, beweist Islands berühmtester Filmemacher Fridrik Thór Fridriksson. "On Top Down Under" behandelt die sexuelle Affinität zwischen einer Isländerin und einem Australier wortlos und allein durch die Kraft der Bildsprache. "Erotik ist sprachlos. Und sie ist sprachlos schön", kommentiert Regina Ziegler, die auch von Hal Hartley und Jos Stelling moderne Stummfilme bekam. Setzte die erste Staffel der "Schönsten Sache der Welt" ausschließlich auf etablierte Filmemacher, bietet die neue Reihe auch jungen Regietalenten eine Plattform für erotische Filmphantasien. Bernd Heiber verbindet in "Die Nachtschwester" auf packende Weise Humor und erotische Spannung, wenn es um einen verführbaren Polizisten geht – ein Geheimtipp der Staffel.

Über die überwirklichen erotischen Geister reflektieren der Grieche Antonis Kokkinos in "Träum was Schönes" der Tscheche Petr Zelenka mit "Powers – Magische Kräfte" und New Yorks Independent-Guru Hal Hartley: Sein "Kimono" ist eine sensible Hommage an die hohe erotische Kultur Japans. Die junge amerikanische Filmemacherin Susan Streitfeld, mit "Female Perversion" zu einem Shooting Star in Sachen weiblicher Erotik avanciert, besticht mit einer zärtlich-ironischen Variation von Erwartung und Wirklichkeit beim "ersten Mal" im "Tagebuch einer Verführung". Am Ende stehen schließlich zwei ebenso komische wie ironische Versuche über das Thema "Verkehr": Jos Stelling brilliert mit "Die Tankstelle", einer meisterlich montierten Fallstudie eines tragikomischen Machos, der im Wagen vor ihm ein junges Mädchen ausfindig macht. Und Eoin Moore ("plus-minus null", Conamara") findet den idealen Ort für exhibitionistische Betätigung ausgerechnet am Potsdamer Platz: Seine zweckentfremdete "Verkehrsinsel" beschließt die Premiere. 24 erotische Meisterwerke, für Regina Ziegler ist das noch lange nicht genug. "Wir machen weiter, bis es 69 sind. Das ist die erotischste Zahl, die es gibt ..."

Angela von Amos Kollek

Interview

"Wenn etwas nicht erotisch ist, dann ist es nicht interessant" Ein Gespräch mit Produzentin Regina Ziegler über die schönste Sache der Welt

Liebe Frau Ziegler, es gibt ja kaum ein Wort, von dem so viele verschiedene Vorstellungen kursieren wie von Erotik. Nach zwei Staffeln "Erotic Tales" haben Sie vielleicht für uns eine brauchbare Definition?

Erotik ist das Schöne hinter dem Vorhang! Es ist wichtig, dass man diesen Filmen die Phantasie, die Leichtigkeit und den Spaß dahinter anmerkt. Für mich persönlich ist die Erotikdefinition des spanischen Dramatikers Fernando Arrabal die liebste, der sagte: ‘Wenn es nicht erotisch ist, ist es nicht interessant.’

Wenn im Zusammenhang mit Filmen von Erotik die Rede ist, führt das ja oft zu Missverständnissen – weil allzu oft eben doch nur Sexfilmchen damit gemeint sind. Ihre "Erotic Tales" sind dazu ein sinnlicher Gegenentwurf. Haben Sie sich jetzt für den Titel "Die schönste Sache der Welt" entschieden, um jedem Missverständnis aus dem Weg zu gehen?

Der englische Titel hat sich weltweit zum Dauerbrenner entwickelt. Es haben ja rund 250 Festivals die Filme gezeigt – wenn ich wollte könnte ich die nächsten zwei Jahre nur auf Festivaleinladungen reisen! Bei der Diskussion um den Start im Ersten hat sich der damalige WDR-Redakteur Gunther Witte durchgesetzt mit "Die schönste Sache der Welt".

Das Schöne an Ihrem Konzept ist ja auch, dass Sie großen Filmemachern anbieten, noch einmal in einer kurzen Form zu arbeiten – und so vielleicht zur Freiheit und Spontaneität ihrer Anfänge zurückzukehren. Das wird doch sicher sehr dankbar aufgenommen ... Und wie wirkt es sich auf die Produktion aus?

Wenn ich da einmal auf die Anfänge der Reihe zurückkommen darf: Als ich Bob Rafelson fragte, ob er ein "Erotic Tale" machen wollte, hat er spontan begeistert zugesagt. Aber bei der ersten Vorführung gestand er mir, dass es doch viel schwerer sei, einen Halbstundenfilm zu realisieren als einen von 90 Minuten! Das finde ich wirklich besonders schön, dass sich all diese Regisseure, die die Reihe mitpräsentieren, auf die kurze Form einlassen.

Und sie wagen ja darüber hinaus weitere Experimente; drei Filme kommen sogar ohne Dialoge aus ...

Da kann ich auch sagen: Erotik ist sprachlos.

Und ist sprachlos schön! Sie haben als Produzentin in den 70er Jahren das Profil des deutschen Autorenfilms sehr stark geprägt und gehörten schon vor dem Komödienboom der späten 80er zu den ersten, die erkannten, dass man gleichzeitig für das Publikum produzieren muss. Sind nicht die "Erotic Tales" in diesem Sinne auch für Sie eine Bestätigung, dass Autorenkino populär sein kann?

Es sind Autorenfilme, weil Erotik ja auch mit ganz persönlichen Vorstellungen, Visionen und Phantasien zu tun hat! Wir haben jetzt 24 erotische Filme, die alle ganz unterschiedlich gelagert sind. Darum haben wir immer nach unterschiedlichen Regisseuren gesucht, die ihre individuelle Geschichte verfilmen und Spaß an der Thematik empfinden. Wir haben mit "Das rote Strumpfband" überhaupt nur eine Verfilmung eines fremden Stoffes dabei. Und die hat Markus Fischer in seiner Entwicklung dann doch zu einem sehr persönlichen Werk gemacht.

 

Das kann man wohl sagen! Fischer wurde ja mit "Tatort"-Krimis bekannt und wagt sich nun an ein überaus gewagtes erotisches Kammerspiel ...

Das ist auch für mich die offensivste unter den Episoden – neben Eoin Moores "Verkehrsinsel".

Wie ist es Ihnen eigentlich gelungen, neben bekannten Namen so viele junge Talente zu finden?

Das Thema ist nicht an eine Altersgruppe gebunden – es spielt in jeder Lebensphase eine Rolle - auch bei den Jungen. Außer Ron Holloway (kreativer Berater), Tanja Meding (Associate Producer) und WDR-Redakteurin Karin Zahn habe ich aber auch meine Berater wie Tanja Ziegler, die ja seit Anfang des Jahres meine Partnerin bei Ziegler Film ist. Sie hat mit Bernd Heiber ("Die Nachtschwester") an der HFF in Babelsberg studiert und sein Talent erkannt. Durch junge Filmemacher – wie übrigens auch Eoin Moore und Petr Zelenka – kommen natürlich auch entscheidende Anstöße. Oder nehmen sie Susan Streitfeld, die ist auch noch ganz jung und hat mit "Tagebuch einer Verführung" ihren zweiten Film gedreht. Der junge Blick ist vielleicht besonders unschuldig.

Apropos: Es wird ja sehr viel über weibliche Erotik diskutiert, und Ihr Profil als Produzentin hat ja viel mit weiblichen Inhalten zu tun – ich denke nur an die Erfolgsreihe "Lauter tolle Frauen". Auch in Ihrer Firma sind die Frauen klar in der Mehrheit. Warum gibt es nur eine Filmemacherin unter den neuen "Erotic Tales"-MacherInnen?

Das halte ich eher für einen Zufall und will es nicht mit Spekulationen belasten. In der neuen Staffel wird zum Beispiel Chantal Akerman dabei sein!

Wir erleben im französischen Kino gerade eine starke Tendenz zu radikalem erotischem, ja fast pornografischem Kino von Frauen. "Romance" lief auch bei uns sehr erfolgreich. Was halten Sie von dieser offensiven weiblichen Behandlung von Sex?

Ja, wie sagt man so schön, das ist nicht so my cup of tea. Für eine Mode, die Aufsehen erregen will, ist die Sache viel zu gut!

Am freizügigsten scheint Rosa von Praunheim in seinem Beitrag vorzugehen. Gab es eigentlich vorher bestimmte Vereinbarungen, dass irgendetwas nicht gezeigt werden darf?

Überhaupt nicht. Wenn es Scheren im Kopf gab, dann gab es die bei den Regisseuren selbst. Ich fordere sie immer auf, ihren erotischen Vorstellungen freien Lauf zu lassen. Da ist Rosa natürlich jemand, der in seinen Filmen mit Phantasie schon immer umgesetzt hat, was er auch gelebt hat. Wenn man sich schon so lange – seit seiner Bettwurst – kennt, versteht man sich intuitiv.

Was ist denn für Sie persönlich der schönste erotische Augenblick in der neuen Staffel?

Das sind die Momente, in denen das Nichtgezeigte stärker wirkt als das Gezeigte.

Das macht nicht nur mich, sondern auch den Zuschauer an! Und das ist wie eine kleine Explosion.


Die Pressestimmen zu Erotic Tales 1994-2002 gibt es hier im Word Format zum Herunterladen.
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